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Die große Strahlenpanik: Wie Mobilfunkgegner Angst vor 5G verbreiten

Für MedWatch.

Eduard Meßmer steht an einem sonnigen Septembertag auf der Wiese vor dem Berliner Reichstag und spricht. Vor seinem Rednerpult sind ein paar Hundert Gleichgesinnte versammelt, sie alle eint die Angst. Angst vor etwas, das niemand sehen kann, von dem jedoch manche behaupten, sie könnten es spüren – und es mache sie krank. 

Meßmer ist der Initiator einer Petition an den Deutschen Bundestag, die sich gegen die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G richtet. Diese fünfte Generation des Mobilfunks ist angetreten, die technologisierte Weltgesellschaft auf eine neue Evolutionsstufe zu heben. Fabriken sollen noch stärker vernetzt werden können, Maschinen miteinander kommunizieren. Schon in wenigen Jahrzehnten sollen wir uns auf der Autobahn zurücklehnen können, während uns ein Elektroauto ganz autonom ans Ziel bringt. 

Meßmer und seinen Mitstreitern macht diese Vision Angst. Nicht so sehr wegen der selbstfahrenden Autos, sondern vielmehr wegen der dafür benötigten Funkverbindungen. 5G bringe allerlei Gesundheitsrisiken mit sich, sagen sie. Am Tag nach der Demo im Regierungsviertel sitzt Meßmer als Petent vor dem Petitionsausschuss des Bundestages und konkretisiert seine Befürchtungen: Er sorge sich vor allem um ein erhöhtes Krebsrisiko. Auch schon vor 5G seien die Krebsraten in Deutschland durch den Mobilfunk bereits angestiegen.

Meßmer ist mit seinen Sorgen nicht allein. Fast die Hälfte der Deutschen glaubt laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesamts für Strahlenschutz fälschlicherweise, dass Handystrahlung das Erbgut schädigt. Dass derartige Behauptungen überhaupt Glaubwürdigkeit genießen, hat auch mit Anti-Mobilfunk-Lobbygruppen zu tun, die unwissenschaftlich mit Studienergebnissen hantieren. Mit Ärzten, die Ängste streuen und dann mit der Behandlung vermeintlicher Mobilfunkschäden Geld verdienen. Und mit Medien, die obskure Behauptungen von Mobilfunkgegnern mit derselben Ernsthaftigkeit behandeln, wie den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand. Ein Überblick. 

Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und Horrorszenarien

Im Gegensatz zu vielen Behauptungen, die 5G-Gegner derzeit im Internet verbreiten, klingen Meßmers Befürchtungen noch fast harmlos. Gerade in den sozialen Medien finden sich eine Vielzahl an Falschinformationen und Verschwörungstheorien über den neuen Mobilfunkstandard: Im November 2018 sorgt eine Schreckensmeldung aus der niederländischen Hauptstadt Den Haag für Aufsehen, verbreitet unter anderem von dem traditionell faktenarmen Portal „Epoch Times“. Durch einen 5G-Test seien hunderte Vögel gestorben, heißt es dort. 

Tatsächlich wurden in einem Park in der Stadt mehrfach Dutzende tote Stare gefunden. Opfer eines 5G-Experiments wurden sie jedoch nicht. Derartige Tests gab es dort zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, wie die Stadtverwaltung dem österreichischen Portal „Mimikama“ mitteilte. Stattdessen starben die Vögel offenbar, weil sie giftige Pflanzenteile gefressen hatten, wie eine toxikologische Untersuchung ergab. Auch mehr als ein Jahr nachdem die Behauptung vom Vogelsterben durch 5G widerlegt wurde, steht der Artikel der „Epoch Times“ ohne Korrektur weiterhin im Netz. 

Eine ähnliche Behauptung aus dem kalifornischen Sierra Madre macht ebenfalls seit mehreren Monaten die Runde. Ein Video soll angeblich zeigen, wie Bienen dort zwischen zwei 5G-Sendemasten verenden. Auch das ist ganz offenkundig falsch – denn in Sierra Madre stehen gar keine 5G-Sendeanlagen.

„Weil wir Antennen sind“

Einer der internationalen Kronzeugen für die vermeintliche 5G-Bedrohung ist der Brite David Icke. Schenkt man ihm Glauben, dann ist der neue Mobilfunkstandard eigentlich eine Waffe. „Es wird vom Militär verwendet“, sagt er in einem Interview. „Diese Technologie wird verwendet, um Menschenmengen auseinander zu treiben.“ Und mehr noch: Der menschliche Körper sende und empfange selbst elektromagnetische Signale und werde durch Funkwellen in seinem Wohlbefinden gestört. „Du kannst die Wahrnehmung von Menschen von außen beeinflussen, indem du diese Frequenzen sendest, mit denen wir interagieren, weil wir Antennen sind.“ 

David Icke ist weder Physiker noch Biologe oder Mediziner. Seine Ausführungen zur Wirkweise von Funkstrahlung entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage. Icke ist vielmehr ein ehemaliger Fußballprofi, der sich seit den Neunzigerjahren als Publizist und Redner in Sachen Weltverschwörungstheorien verdingt. Seine wohl bekannteste und zugleich wirrste Erzählung besagt, die Erde würde heimlich von außerirdischen Reptilienwesen beherrscht, die die Form von Menschen annehmen können. Königin Elizabeth, George W. Bush und die Clintons? Für David Icke ganz klar formwandelnde Reptilien aus dem All. In rechtsesoterischen Kreisen, in Teilen der Impfgegner-Szene und auch unter einigen 5G-Gegnern gilt er dennoch als glaubwürdige Quelle.

Ist Mobilfunk gefährlich?

Doch lauert uns mit der Einführung von 5G tatsächlich eine Gefahr auf? Werden wir durch den bereits bestehenden Mobilfunk schon seit Jahrzehnten gesundheitsschädlichen Strahlen ausgesetzt?

Die zuständige Behörde sagt: Nein. „Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) weist darauf hin, dass es unterhalb geltender Grenzwerte keinen Nachweis für gesundheitliche Auswirkungen des Mobilfunks gibt“, teilte das BfS anlässlich der Internationalen Funkausstellung im September mit. Und: „Das gilt auch für 5G.“ 

Dennoch rät das Bundesamt dazu, die Strahlenbelastung zu minimieren, indem etwa Headsets und Freisprechanlagen verwendet werden und das Handy bei aktiver Verbindung nicht zu oft direkt an den Kopf gehalten wird. 

Alexander Lerchl, Professor für Biologie und Wissenschaftsethik an der privaten Jacobs University in Bremen, sagt: „Es gibt keinen rationalen Grund, anzunehmen, dass Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich ist.“ Denn auch wenn das Wort Strahlung erst einmal gefährlich klingt, besteht zwischen Mobilfunkstrahlung und anderer, nachweislich krebserregender Strahlung, ein großer Unterschied. Bei Mobilfunk handelt es sich um sogenannte nichtionisierende Strahlung. Der einzige nachgewiesene Effekt nichtionisierender Mobilfunkstrahlung ist eine Erwärmung. Zu diesem Schluss kam auch das „Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm“ des Bundesamts für Strahlenschutz nach mehrjährigen Untersuchungen im Jahr 2008. Dass sich der Körper etwa durch das Telefonieren mit dem Handy merklich erwärmt, werde jedoch durch die bestehenden Grenzwerte sicher ausgeschlossen, sagt Alexander Lerchl. „Andere Effekte als dieser thermische Effekt sind bisher nicht nachgewiesen.“

Als ionisierende Strahlung wird dagegen etwa Röntgenstrahlung, Strahlung durch radioaktives Material, oder auch die UV-Strahlung des Sonnenlichts bezeichnet. Die kann „Elektronen aus Atomen oder Molekülen herauslösen und dadurch zu chemischen Veränderungen im Sinne von Mutationen führen“, erklärt Lerchl.  „Das ist durch Mobilfunk, also durch nichtionisierende Strahlung, aber völlig unmöglich.“

Rosinenpickerei in den Studiendatenbanken

Dennoch berufen sich Mobilfunkgegner immer wieder auf wissenschaftliche Studien, die ihre Bedenken belegen sollen. Vor dem Petitionsausschuss des Bundestages verweist Eduard Meßmer etwa auf die Mobilfunkkritiker-Initiative „Diagnose:Funk“, die einschlägige Studien aus dem EMF-Portal der Universität Aachen auswerte.

Das Portal erfasst systematisch wissenschaftliche Forschungsdaten über die Auswirkungen elektromagnetischer Felder und fasst sie auf deutsch und englisch zusammen. Die Projektleiterin des EMF-Portals, Sarah Drießen, kommt dabei allerdings zu einem anderen Ergebnis als Meßmer und „Diagnose:Funk“. Wie Lerchl sagt auch sie: Nach derzeitigem Forschungsstand gebe es keinen Grund zur Annahme, dass Mobilfunkstrahlung unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte krank macht. Belegt sei lediglich der thermische Effekt.

„Es gibt trotzdem jede Menge Studien, die auch Langzeitwirkungen unabhängig von dieser thermischen Wirkung untersucht haben“, sagt sie. „Einfach um mal zu gucken, ob es nicht auch andere Wirkungen geben könnte, die bei einer langanhaltenden Exposition auftreten könnten.“ Unter diesen Studien gebe es viele, „die irgendwelche Hinweise auf irgendwelche Wirkungen gefunden haben“, erklärt die Biologin. „Es gibt darunter gute Studien und schlechte Studien. Jeder untersucht einfach irgendwas, und in der Summe kommt dann auch irgendwann irgendwo etwas raus.“

Kritiker, sagt Drießen, würden sich aus tausenden Studien genau jene herauspicken, die ihnen scheinbar Recht geben und sagen: „Oh schaut doch mal, hier gibt es hunderte Studien, die irgendwas gefunden haben.“ Die Mehrheit an Studien, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen, würde dabei nicht beachtet.

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation hat 2011 Studien ausgewertet, die einen möglichen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Krebs untersucht haben. Am Ende stand die Einschätzung: Mobilfunkstrahlung ist möglicherweise krebserregend.

„Das klingt schwierig nachzuvollziehen“, sagt die Biologin Drießen, „aber die Einstufung spiegelt im Prinzip genau die Datenlage wieder: Die ist nämlich inkonsistent. Das heißt, es gibt ein paar Studien, die darauf hindeuten, aber wir haben auch viele Studien, die keinen Zusammenhang finden.“ Auch das Bundesamt für Strahlenschutz weist darauf hin, dass die Klassifizierung durch die IARC keineswegs bedeute, dass eine krebserregende Wirkung des Mobilfunks nachgewiesen sei. Die Behörde spricht von „begrenzten Anhaltspunkten“ in einem kleinen Teil der untersuchten Studien. Die Studien des „Deutschen Mobilfunk Programms“ seien den Hinweisen auf mögliche krebserregende Wirkungen nachgegangen und hätten diese nicht bestätigen können.

Alexander Lerchl hält die Einstufung durch die IARC für wenig hilfreich. „Möglicherweise krebserregend ist alles mögliche“, sagt er. „Bis vor ein paar Jahren war auch Kaffee noch in dieser Kategorie. Immer noch so kategorisiert sind bestimmte eingelegte Gemüsesorten.“ Die Organisation habe die Einstufung außerdem „nur auf Handys am Körper bezogen, und nicht auf Mobilfunk-Basisstationen. Zur Immission tragen Mobiltelefone am meisten bei und Mobilfunkmasten nur einen geringen Bruchteil.“ 

5G ist gar nicht so neu

Auch die Einführung des neuen Mobilfunkstandards bereitet Lerchl und Drießen keine Sorgen. „Die Frequenzen, die für 5G zur Zeit eingesetzt werden, sind nicht neu. Das einzige, was sich ändert, ist zunächst das Protokoll, das eine viel schnellere Übertragung großer Datenmengen zulässt”, erklärt Alexander Lerchl. In Zukunft sollen weitere Frequenzen in den Bereichen zwischen 26 und 28 Gigahertz und über 40 Gigahertz hinzukommen. Manche Frequenzen in diesem Bereich würden heute bereits für den Richtfunk genutzt, sagt Lerchl. Völlig neu sei ihre Verwendung deshalb auch nicht.

Sarah Drießen hält es dennoch für wichtig, dass diese Frequenzbereiche weiter erforscht werden. „In dem Bereich wissen wir deutlich weniger“, sagt sie. Was bekannt ist: Hohe Frequenzen dringen weniger tief in den Körper ein, als niedrige. Die Strahlung wird deshalb schon in der Haut absorbiert. Wie das auf den Körper wirkt, will ein von Alexander Lerchl geleitetes Team in den kommenden Jahren an der Jacobs-University in Bremen erforschen. Anhand von Zellkulturen der Haut wollen die Forscher untersuchen, ob sich Geninformationen durch die elektromagnetische Strahlung der 5G-Frequenzen verändern. Finanziert wird das Forschungsprojekt vom Bundesamt für Strahlenschutz.

Zweifelhafte Unterstützung aus der Wissenschaft

Der beruhigenden Einschätzung von Fach-Wissenschaftlern und staatlichen Stellen zum Trotz stehen Mobilfunkkritiker und 5G-Gegner wie Eduard Meßmer gar nicht so allein auf weiter Flur. Unterstützung erhalten sie auch von Wissenschaftlern und Ärzten, die allerdings oft auch nicht vom Fach sind. 

Zur Anhörung vor dem Petitionsausschuss brachte Meßmer etwa Wilfried Kühling mit, Professor für Raum- und Umweltplanung und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Auf dem Demo am Tag zuvor hielt auch Klaus Buchner eine Rede, Physik-Professor, Europaabgeordneter der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP) und passionierter Mobilfunkkritiker. Initiativen wie „Diagnose:Funk“ berufen sich außerdem nicht nur auf handverlesene Studien, sondern auch auf Petitionen und Appelle von Wissenschaftlern. Einer davon ist der „EMF Scientist Appeal“, ein Appell an die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation. Darin ist etwa von einem erhöhten Krebsrisiko und genetischen Schäden durch Mobilfunk selbst unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte die Rede. 

Unterschrieben ist der Appell von rund 250 Wissenschaftlern aus 43 Ländern, die laut eigener Aussage die biologischen und gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Felder untersuchen. Ein Blick auf die deutschen Unterzeichnern zeigt: Es sind teilweise fachfremde Wissenschaftler und Ärzte, außerdem ein Professor, dessen vielbeachtete Studie über vermeintliche Erbgutschäden durch Mobilfunkstrahlung an der Medizinischen Universität Wien wegen Fälschungsvorwürfen in die Kritik geraten war und anschließend nicht von unabhängigen Studien bestätigt wurde. Mindestens einer der deutschen Unterzeichner verdient Geld mit dem Verkauf von Gerätschaften, die gegen „Elektrosmog“ schützen sollen. 

Menschen sollen unter Elektrohypersensibilität leiden

In Stuttgart macht unterdessen ein Ärzte-Arbeitskreis von sich reden. Im Oktober demonstrierten die Mediziner gegen die Einführung von 5G und überreichten der Landesregierung einen offenen Brief. Darin warnen sie nicht nur vor 5G, sondern berichten auch von ihren Patienten, die unter „Elektrohypersensibilität“ litten, die durch „eine ständig wachsende Exposition gegenüber technischen elektromagnetischen Feldern“ ausgelöst werde. Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung sei betroffen. Die angeführten Symptome: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Tinnitus, Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Herzrhythmusstörungen, Burn-Out und mehr.

Studien des Bundesamts für Strahlenschutz zeigen hingegen, dass sich nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung als „elektrosensibel“ bezeichnen. Bislang konnte außerdem kein ursächlicher Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und den beschriebenen Effekten nachgewiesen werden. Zu diesem Schluss kommt auch die Weltgesundheitsorganisation

Mehrere der Ärzte, die den Stuttgarter offenen Brief unterschrieben haben, haben sich auf die Behandlung vermeintlich „elektrosensibler“ Patienten spezialisiert und treten in der Szene der Mobilfunkkritiker als Redner auf. Ein Teil der Unterzeichner bietet als Naturheilkundler auch eine Reihe anderer nicht evidenzbasierter Therapien an.

Medienphänomen Elektrosensibilität 

Dass derartige Behauptungen von 5G-Gegnern und Mobilfunkkritikern auch über die Esoterik-Szene hinaus Glaubwürdigkeit genießen, hat auch mit der jahrelangen Berichterstattung vieler Medien zu tun. 

Vor allem Einzelschicksale vermeintlich „Elektrosensibler“ sind ein beliebter Gegenstand in Reportagen und Fernsehbeiträgen. Ein regelrechter Promi unter den „Elektrosensiblen“ ist Ulrich Weiner. Schon als Kind war Weiner vom Funk beeindruckt, später verdiente er sein Geld mit den immer populärer werdenden Mobiltelefonen. Heute lebt er laut eigener Darstellung bereits seit mehr als 15 Jahren in einem Wohnwagen, fährt durch das Land, immer auf der Suche nach einem der letzten verbleibenden Funklöcher. 

Der Mobilfunk habe ihn krank gemacht sagt Weiner. Er könne sich der Strahlung nur kurze Zeit aussetzen, dann bekomme er Konzentrationsschwierigkeiten, Sprachprobleme, breche irgendwann zusammen. Trotz seines Leidens fährt er aber auch in Städte und hält dort Vorträge – oftmals in einen vermeintlichen Strahlenschutzanzug gekleidet.

Seine Geschichte scheint für viele Fernsehsender geradezu perfekt. Die öffentlich-rechtlichen Sender SWR, MDR und WDR haben sich ihr gewidmet, auch SAT1 und das Pro7-Magazin Galileo haben über Weiner berichtet. In vielen Beiträgen wird kaum ein kritischer oder zweifelnder Ton erhoben.

In einem Beitrag der SWR-Landesschau Baden-Württemberg aus den 2000er Jahren wird Weiners „Elektrosensibilität“ etwa unhinterfragt als Fakt dargestellt. Statt einer kritischen Einordnung wird sein Arzt Joachim Mutter befragt. Dieser ist in der Szene der Mobilfunkkritiker und Esoteriker kein Unbekannter: Er hielt beispielsweise einen Vortrag bei der „Anti Zensur Koalition“ (AZK), einem Verschwörungstheorie-Gipfel des Schweizer Sektengründers Ivo Sasek. Auch Mutters einstiger Patient Ulrich Weiner war dort bereits als Redner zu Gast. 

Der MDR-Sachsenspiegel begleitete Weiner im Jahr 2004, als der auf seiner Suche nach Funklöchern in Sachsen unterwegs war. Statt kritischer Einordnung gibt es auch hier ein Interview mit einem Arzt Weiners, Hans-C. Scheiner, der unhinterfragt erklären durfte, dass Handystrahlung auch in niedrigen Dosen „eindeutig krebserregend“ sei. Auch der im Jahr 2012 verstorbene Scheiner war Mobilfunkgegner und Redner auf Ivo Saseks „AZK“.

Noch im Oktober 2019 widmete sich ausgerechnet der „Tagesschau-Wissenscheck” der Frage, ob „Elektrosmog“ schädlich sei. Mobilfunkkritiker Wilfried Kühling behauptet darin in einem eingespielten Beitrag, Studien seien eindeutig, die eine Krebswirkung des Mobilfunks zeigen. In einem Interview erklärt Forscherin Sarah Drießen anschließend, dass das nicht stimmt. Zum Schluss geht es im „Wissenscheck“ um Elektrosensibilität. Anmoderiert mit den Worten: „Ich nutze das Handy täglich und bin ja auch auf der Arbeit auch etwa hier im Studio von elektromagnetischer Strahlung umgeben. Ob die gut oder schlecht ist, das spüre ich nicht. Es gibt aber auch Menschen, bei denen das ganz anders ist. Die spüren das. Die sind elektrosensibel.“

Im nachfolgenden Beitrag wird zunächst eine Frau porträtiert, die unter „Elektrosensibilität” leidet. Darin heißt es über die Betroffenen: „Ihnen macht vor allem die hochfrequente Strahlung von Mobilfunk, WLAN, oder Schnurlostelefonen zu schaffen. Diese funken auf der gleichen Frequenz wie eine Mikrowelle, nur weniger stark.“ Das klingt gefährlich.

Anschließend kommt der Arzt, Naturheilkundler und „Achtsamkeitslehrer“ Harald Banzhaf zu Wort. Er gehört zu den Unterzeichnern des Stuttgarter offenen Briefs, ist Mobilfunkkritiker und hat sich auf die Behandlung „Elektrosensibler“ spezialisiert. 

Am Ende erwähnt der Sprecher des Beitrags, dass die Weltgesundheitsorganisation „das Leiden“ nicht anerkenne, weil bisher nicht eindeutig nachgewiesen sei, dass elektromagnetische Strahlung die Ursache für die Beschwerden ist. 

Das „false balance“-Problem

Der Forschungsstand ist eindeutig. Der „Wissenscheck“ stellt jedoch „beide Positionen“ gleichberechtigt nebeneinander. „Auch wenn das Phänomen nicht als Krankheit gilt, ist die Zahl der Betroffenen so groß, dass wir es in der Sendung thematisieren wollten“, teilt die stellvertretende Tagesschau24-Leiterin Claudia Stocksieker auf MedWatch-Anfrage mit.

Man habe sich im Sprechertext „bewusst für distanzierende Formulierungen“ entschieden, um zu verdeutlichen, „dass die Redaktion sich die Auffassung nicht zu eigen macht“. Stocksieker schreibt: „Wir sind überzeugt davon, dass unsere Zuschauerinnen und Zuschauer dadurch verstehen, dass das eben keine unumstößlichen Fakten sind, sondern dass viele Medizinerinnen und Mediziner/Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das anders sehen und es durchaus Diskussionen darüber gibt.“

So liefert die Sendung ein Anschauungsbeispiel für die Gefahr der „false balance“, der falschen Gleichgewichtung konträrer Positionen im Journalismus. Was den Klimawandel anbelangt oder die angebliche Autismus-Gefahr durch Masern-Impfungen, hat der professionelle Journalismus diese „false balance“ in weiten Teilen hinter sich gelassen. Was vermeintliche Auswirkungen des Mobilfunks angeht, besteht offenbar Nachholbedarf.