Beim ersten Tag des Terrorprozesses gegen den "Scharia-Polizisten" Sven Lau

Veröffentlicht auf VICE.COM

In Düsseldorf steht der Salafisten-Prediger Sven Lau vor Gericht. Der Konvertit soll eine Terrororganisation in Syrien unterstützt haben.

Vor dem Gerichtsgebäude stehen zwei Polizisten mit Maschinenpistolen. Auch sonst sieht alles mehr nach Knast als nach Gericht aus. Das Terror-Verfahren gegen Sven Lau findet in einem Hochsicherheitsgebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf statt, zwischen dem Landeskriminalamt, Ackerflächen und Gewächshäusern. Hier werden die harten Fälle verhandelt: Terrorismus und Schwerkriminalität. Auf dem Dach ein Hubschrauberlandeplatz, drumherum ein Zaun mit Stacheldraht. In der Schlange davor wartet ein Aufgebot an Journalisten. Auch ein kleines Grüppchen von Glaubensbrüdern des Angeklagten gesellt sich dazu. 

 Hinter Stacheldraht und Sicherheitsschleuse wird hier Sven Lau der Prozess gemacht. Der gebürtige Mönchengladbacher ist ein Star in der deutschen Salafistenszene. Auf Kundgebungen und in YouTube-Videos tritt er weniger klamaukig auf als sein bekannter Mitstreiter Pierre Vogel, weniger aggressiv. Eher als der nette Islamist von nebenan. Sven Lau ist wegen Terrorunterstützung angeklagt. Anders als bei vielen Terrorprozessen der letzten Jahre geht es dabei nicht um aktive Kampfhandlungen in Syrien. Er steht als Hintermann vor Gericht. 

 Unterstützt wird er dabei von gut einem Dutzend Glaubensbrüdern, die nach Düsseldorf gekommen sind. Manche sitzen mit finsteren Blicken im Gerichtssaal. Andere geben schon vor der Verhandlung bereitwillig Interviews und plaudern mit Journalisten. Einer von ihnen ist Bernhard Falk. Als Linksterrorist saß er neun Jahre im Gefängnis, dort, sagt er, habe er zu Gott gefunden. Heute bereist er Gerichte und Gefängnisse in ganz Deutschland und kümmert sich um islamistische Häftlinge. 

 Bei diesem Prozess geht es um mehr als einen Angeklagten. Bei solchen Verhandlungen kommen oft Details aus dem Leben der Dschihadisten ans Licht, die das heroische Bild entzaubern, das die Islamisten in ihrer Propaganda versuchen, von sich zu zeichnen. Das Publikum aus der islamistischen Szene dient der Untersüztung, aber sie erinnern auch daran, nicht abtrünnig zu werden. 

 Der Vorwurf: Terrorunterstützung 

 Fast 80 Seiten stark sind die Anklagevorwürfe gegen Lau. 30 Verhandlungstage hat das Gericht angesetzt. Die Ermittler stützen ihre Vorwürfe auf ausgewertete Videobotschaften, Chat-Dateien, Fotos von Laus Laptop und Zeugen. Die Bundesanwaltschaft wirft Sven Lau vor, Terroristen in Syrien unterstützt zu haben. 2013 soll er in Deutschland als "verlängerter Arm" der Terrororganisation "JAMWA" (Armee der Auswanderer und Helfer) gewirkt haben. Der mutmaßlich von Lau unterstützte Flügel dieser Organisation soll sich laut Bundesanwaltschaft Ende 2013 dem "Islamischen Staat" angeschlossen haben. 

 Im Sommer 2013 war Lau mit Glaubensbrüdern auf einer Pilgerreise in Mekka. Von dort aus soll er dafür gesorgt haben, dass sein Mitreisender Ismail I. nach Syrien reisen konnte, um dort für JAMWA zu kämpfen. Die Gruppe befindet sich im Krieg gegen das Assad-Regime. Die Bundesanwaltschaft stuft sie als terroristische Vereinigung ein. Auch in anderen islamistischen Milizen in Syrien und dem Irak kämpfen viele Ausländer. JAMWA wurde aber explizit für ausländische Islamisten gegründet.

Ismail I.s Weg in den Kampf führte ihn über die Türkei nach Syrien. Heute ist er wieder in Deutschland. Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte ihn zu viereinhalb Jahren Haft. Er ist einer der Kronzeugen gegen Lau. Während der Vertreter der Bundesanwaltschaft die Vorwürfe vorliest, sitzt der Angeklagte scheinbar entspannt auf der Anklagebank. Er trägt ein weites kurzärmliges Hemd. Nur der charakteristische Bart lässt auf seine religiöse Überzeugung schließen. Mal lehnt er sich zurück, mal stützt er sich nach vorne. Zwischendurch nickt er seinen Glaubensbrüdern und Unterstützern im Publikum zu. Eine Panzerglasscheibe trennt ihn vom Rest der Gerichtssaals. 

 Sven Lau soll außerdem in Deutschland Geld für die Terroristen gesammelt und Nachtsichtgeräte besorgt haben. Außerdem soll er die Reise eines weiteren Kämpfers nach Syrien organisiert haben. Als der sich in der Kampfgruppe nicht richtig einfinden konnte, soll er selbst nach Syrien gereist sein, um ihn von dort abzuholen. Mit seinen Syrien-Reisen warb er zu der Zeit sogar ganz offen im Internet. Er stellte sie als "humanitäre Hilfsreisen" dar. Tatsächlich haben er und seine Mitstreiter mit dem Verein "Helfen in Not" zum Beispiel ausrangierte Krankenwagen nach Syrien gebracht. Der Verfassungsschutz warnte allerdings schon 2013 vor dem Verein. 

 Auf einem Foto, das der WDR am Tag vor der Prozesseröffnung veröffentlicht hat, ist Sven Lau mit einer Kalaschnikow in der Hand zu sehen. Das Foto soll aus der Anklage-Akte der Bundesanwaltschaft stammen. 

 Dazu äußern will sich der Angeklagte nicht. Am Dienstag ist er nur einmal zu hören, als es um seine Personalien geht. Als der Richter nach der Verlesung der Anklageschrift fragt, ob Lau sich zu den Vorwürfen äußern will, springt sein Anwalt Mutlu Günal für ihn ein: "Mein Mandant wird sich schweigend verteidigen." Seine Glaubensbrüder im Publikum haben von ihm wohl nichts zu fürchten. 

 Damit ist der Prozesstag dann auch schon vorbei. Als die Justizbeamten Sven Lau abführen, winkt er seinen Fans zu und streckt seinen Daumen in Richtung des Islamisten Bernhard Falk. Nicht einmal eine halbe Stunde hat der Auftakt des Verfahrens gedauert, das sich aber noch über Monate hinziehen wird. 

Wer ist Sven Lau? 

 Sven Lau ist in Mönchengladbach in einer katholischen Familie aufgewachsen. Dort hat der heute 35-Jährige nach der Schule eine Ausbildung als Industriemechaniker gemacht und bis 2008 als Feuerwehrmann gearbeitet. Schon Ende der 90er als Auszubildender ist er zum Islam konvertiert, in einer Moschee, in die er durch einen Kollegen gekommen war. Nach seiner Zeit bei der Berufsfeuerwehr hat er dann angefangen, sein Leben komplett seiner Vorstellung vom Islam zu widmen. In Mönchengladbach betrieb er eine Zeit lang ein Geschäft für islamische Kleidung und anderen religiösen Bedarf. Immer wieder trat er in den vergangenen Jahren auf salafistischen Veranstaltungen und Kundgebungen auf. Neben dem ehemaligen Boxer Pierre Vogel entwickelte er sich zu einem der bekanntesten Köpfe der islamistischen Szene in Deutschland. 

 Eine breite Öffentlichkeit nahm ihn wahr, als er 2014 mit seiner "Scharia-Polizei" in Wuppertal auftrat. Sven Lau und seine "Brüder" zogen sich Warnwesten an, auf die sie die Wort "Shariah Police" gedruckt hatten, und verbreiteten Fotos davon im Internet. YouTube-Videos zeigten, wie sich die Gruppe in Spielcasinos und vor Bars herumtreibt, um muslimischen Jugendlichen Glücksspiel und Alkoholkonsum auszureden. 

 Die Botschaft: "Was ihr hier macht, ist 'Haram', also verboten, fluchbeladan. Kommt lieber in unsere Hinterhof-Moschee und lebt ein schariakonformes Leben." Der Aufwand für die Aktion war minimal, das Medienecho gigantisch. Sogar Angela Merkel verurteilte die Aktion der sonst eher bedeutungslosen Truppe. 

 Sven Lau saß schon 2014 in Untersuchungshaft 

 Schon mehrere Monate vor dem PR-Coup saß Sven Lau das erste Mal in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart warf ihm im Februar 2014 vor, Geld- und Sachspenden für Dschihadisten in Syrien gesammelt und einen Deutschen zum Kampf in Syrien angestiftet zu haben. Im Mai 2014 wurde Lau allerdings schon wieder entlassen. Die Staatsanwaltschaft nahm die Anklage zurück. Aus Mangel an Beweisen. 

 In einem Interview mit VICE bezeichnete er die Vorwürfe später als Lüge, mit der "der Mob" gegen ihn und seine Mitstreiter aufgehetzt werden sollte. 

 Die Bundesanwaltschaft scheint sich sicher zu sein, diesmal mehr gegen den Salafisten-Prediger in der Hand zu haben. Sollten sich die Vorwürfe gegen ihn bewahrheiten, droht Sven Lau eine mehrjährige Haftstrafe. Sein Verteidiger gibt sich gelassen: Wenn das Verfahren normal ablaufe, müsse sein Mandant freigesprochen werden, sagt er nach dem Ende der Verhandlung vor dem Gericht. Die ermittelnde Polizei in Mönchengladbach habe offenbar noch einige Rechnungen mit Sven Lau offen und gar keine Ahnung von der Thematik. Und die Belastungszeugen? "Der eine ist ein notorischer Lügner und der andere ist leider verrückt", befindet Mutlu Günal. Und was ist mit dem Kalaschnikow-Bild? "Sie können sich mit einer Kalschnikow in Syrien fotografieren lassen, und gleichzeitig humanitäre Hilfe leisten", sagt er. "Jeder läuft da mit einer Kalaschnikow rum, das bedeutet gar nichts!"