Wie sich das Leben für türkische Wissenschaftler nach dem 15. Juli verändert

Veröffentlicht bei MOTHERBOARD.

Seit dem gescheiterten Putschversuch scheint der türkische Repressions-Apparat wie auf Steroiden zu agieren. Bereits seit Monaten verschlechtert sich die Situation von Journalisten, kritischen Wissenschaftlern und Oppositionellen in der Türkei—doch nach dem 15. Juli begann eine bisher beispiellose Verhaftungswelle das Land zu erschüttern. 

 Weniger als 24 Stunden nach der Niederschlagung hatten Präsident Erdoğan und die türkische Regierung mit Fetullah Gülen nicht nur den angeblich Schuldigen für den versuchten Putsch ausgemacht, es gab auch eine Künigungswelle im öffentlichen Dienst. In den ersten Tagen wurden zunächst 6.000 Soldaten festgenommen, darauf folgten Massenverhaftungen und vor allem Entlassungen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens: Polizisten, Ministeriumsangestellte, Lehrer, Universitäts-Dekane. Unzählige Schulen und mehrere Universitäten wurden geschlossen, ein Ausreiseverbot für Akademiker eingeführt, auch die Erfolgsgeschichte der türkischen Start-Up-Szene ist bedroht, da immer mehr Gründer darüber nachdenken, die Türkei zu verlassen. Auch in der Wissenschaftswelt sorgen die jüngsten Entwicklungen für Verunsicherung—für Forscher im Inland als auch im Ausland ist die Zukunft ungewiss.

Wir haben Dr. Alper Açık gefragt, wie sich gerade das Leben und Arbeiten für Wissenschaftler in der Türkei verändert. Alper Açık ist Psychologe und Kognitionswissenschaftler und hat bis 2015 mehrere Jahre in Deutschland studiert und promoviert. Heute arbeitet er als Forscher und Dozent an einer privaten, von einer Stiftung getragenen Universität in Istanbul. Anfang des Jahres war er einer der Unterzeichner der Petition der „Academics for Peace”—einem Appell gegen den Krieg des türkischen Staates gegen die kurdische Zivilbevölkerung im Südosten des Landes.

Motherboard: Wie haben Sie den Putschversuch und die darauffolgenden Tage wahrgenommen?

Dr. Alper Açık: Es war schrecklich. Auch wenn ich den Praktiken des Staates und der Regierung immer kritisch gegenüberstand, es gibt nichts Schlimmeres als einen Militärputsch. Im Moment ist die Lage schlimm, aber wäre der Putschversuch erfolgreich gewesen, wäre sie mit Sicherheit noch schlimmer. Ich hatte Angst und habe mir Sorgen gemacht, ich konnte die Flugzeuge und die Schüsse hören. Das lässt einen aber auch daran denken, was in den kurdischen Provinzen seit Monaten passiert.

Hier im Westen der Türkei dachte man immer, sowas könne nur dort passieren, dass das Militär auf der Straße kämpft. Und auf einmal hat man dieselbe Situation, denselben Verlust von Menschenleben direkt vor der Haustür. Ich war erleichtert, zu sehen, dass alle politischen Parteien den Putschversuch verurteilt haben. Das war ein positiver Schritt für unsere Demokratie. 

Die nächsten Tage und vor allem die Verkündung des Ausnahmezustandes haben dann aber wieder Anlass zur Sorge gegeben. Wir werden jetzt durch Dekrete regiert, nicht durch Entscheidungen des Parlaments. Das nutzt die Regierung aus. Die haben bereits so viele öffentliche Einrichtungen geschlossen und so viele Menschen festgenommen. Und ich sehe gerade noch kein Ende des Ganzen.

Welche Auswirkungen haben diese Repressionen auf die Universitäten?

Nach dem Putschversuch wurden alleine 15 Universitäten geschlossen, die angeblich der Gülen-Bewegung nahestehen. Diese Universitäten hatten ungefähr 65.000 Studenten. Diese Studenten leben gerade in der großen Ungewissheit, was in zwei Monaten passiert, wenn das neue Semester anfängt. Außerdem wurden ungefähr Tausend Schulen geschlossen. 

Und auch die meisten der Menschen, die ihre Jobs verloren haben, waren in Bildungseinrichtungen beschäftigt. Die Situation für Akademiker ist jetzt ziemlich kompliziert, da spielen viele verschiedene Faktoren mit hinein. Auf der einen Seite gibt es die offizielle Version, dass die Regierung Gülen-Leute aus den Bildungseinrichtungen, den Sicherheitsbehörden und natürlich der Armee entfernt. Was mir Sorgen bereitet, ist aber, dass nicht nur Menschen ihren Job verlieren, die der Gülen-Bewegung nahestehen. Das betrifft auch andere, regierungskritische Leute. 

Es scheint gerade so, dass die Regierung diesen Putschversuch als Anlass nimmt, jede Form von Opposition zu unterdrücken. Ich habe auch von mindestens zehn Unterstützern der „Academics for Peace”-Petition gehört, die in den letzen Tagen ihre Jobs verloren haben. Das sind Leute, die in einer liberalen Tradition stehen und Frieden, Gleichberechtigung und Menschenrechte unterstützen. Die haben mit der Gülen-Bewegung nichts zu tun. 

Der Putschversuch ist lediglich ein Vorwand für deren Entlassung. Abgesehen davon haben auch die Wissenschaftler, die der Gülen-Bewegung nahestehen, ein Recht auf faire Verfahren und nicht auf willkürliche Verhaftungen und Entlassungen. Man darf aber nicht vergessen, dass manche dieser Gülen-nahen Wissenschaftler selbst für Rechtsverletzungen in den Universitäten verantwortlich waren. Vor allem in der Zeit, als die Gülen-Bewegung und die AKP noch zusammengearbeitet haben.

Sie arbeiten an einer privaten Stiftungs-Universität. Sind Sie von den Einschränkungen und Repressalien trotzdem betroffen?

Ich persönlich bislang nicht. Ich bin aber auch Kognitionswissenschaftler und arbeite nicht in den „sensiblen“ Bereichen. Würde ich Sozialwissenschaftler sein und zur Situation der Kurden, dem Genozid an den Armeniern oder zu LGBTI-Rechten forschen, wäre ich vermutlich einem ganz anderen Druck ausgesetzt. 

Der türkische Hochschulrat hat allerdings eine große Macht, die sich auch auf private Universitäten erstreckt. Der Hochschulrat ist übrigens selbst ein Produkt des Militärputsches von 1980. Die Militärjunta wollte die Universitäten kontrollieren. Dadurch hat der Rat bis heute die Macht, den Rücktritt von mehr als 1.500 Universitäts-Dekanen auf einmal zu verlangen. 

 Gerade seit dem Putschversuch versucht der Hochschulrat an allen Universitäten zu kontrollieren, was dort passiert—unabhängig davon, ob das nun öffentliche, private oder Stiftungs-Universitäten sind. Man könnte meinen, dass die privaten Unis mehr Freiheiten genießen als die staatlichen. In der Praxis ist das aber nicht der Fall.

Letzte Woche wurde auch ein Reiseverbot für Akademiker erlassen. In den deutschen Medien wurde das mal als generelles Ausreiseverbot beschrieben, mal nur als Dienstreiseverbot. Was hat es damit auf sich?

Da gibt es auch hier gewisse Unsicherheiten, weil der Erlass des Hochschulrats einigen Raum für Interpretationen lässt. Verschiedene Universitäten mögen ihren Angestellten das Ausreiseverbot auf verschiedene Arten kommuniziert haben. Soweit ich das überblicken kann, sind die meisten Akademiker aber im Moment nicht in der Lage, das Land zu verlassen.

Auch nicht für Urlaubsreisen?

Nein, zumindest scheint das im Moment so zu sein. Ich habe bislang nicht von gescheiterten Ausreiseversuchen gehört, aber ich habe Freunde, die ihre Reisen absagen mussten.

Warum haben Sie die Petition der „Academics for Peace“ Anfang des Jahres unterschrieben?

Um unsere Entscheidung zu dieser Petition zu verstehen, muss man in den Sommer 2015 zurückblicken. Bis zu der Parlamentswahl im Juni gab es einen mehr oder weniger vielversprechenden Friedensprozess [zwischen den Kurden und der türkischen Regierung]. Der war nicht perfekt, aber wenigstens gab es keine regelmäßigen Nachrichten über den Tod von Zivilisten und Soldaten in kurdischen Städten. Nach der Parlementswahl hat sich alles verändert. 

Vor allem nach dem Massaker in Suruç, wo der Islamische Staat mehr als 30 Jugendliche getötet hat, die auf dem Weg zu Hilfsprojekten in Kobane waren. Danach ging alles den Bach runter. Der Staat hat den Mord an zwei Polizisten als Vorwand genommen, um wieder eine große Militäroperation gegen die kurdischen Kräfte zu starten. Und die haben nicht nur gegen die Guerilla gekämpft, sondern ganze kurdische Städte zerstört, es gab viele zivile Opfer. Für mich waren das klare Menschenrechtsverletzungen. 

Es war für mich immer selbstverständlich, an den Verhandlungstisch zurück zu gehen. Darum habe ich die Petition unterschrieben. Ich wollte ein Ende der staatlichen Gewalt in den kurdischen Provinzen, und dass unabhängige Beobachter das Ausmaß der Zerstörung begutachten können. Ich hatte mit meinen eigenen Augen gesehen, dass Frieden möglich ist, denn im Friedensprozess vorher war die Situation ja deutlich besser.

Einige der Wissenschaftler, die die Petition unterschrieben haben, wurden unter Druck gesetzt und wegen „Terrorpropaganda“ angeklagt. Haben Sie so etwas persönlich auch erlebt?

Ich persönlich nicht, nein. Aber ungefähr 40 Unterzeichner der Petition haben ihre Jobs verloren. Mit den neuen Entlassungen der letzten Tage sind das wohl sogar eher 50. Viele andere wurden zumindest zeitweise von ihrer Arbeit suspendiert. Mehrere wurden inhaftiert und angeklagt. Davon waren aber nicht alle Unterzeichner der Petition betroffen. Die letzten Tage haben uns aber gezeigt, dass diese Bedrohungen weitergehen werden. 

 Ich kann aber wirklich nicht vorhersagen, was für Ausmaße das noch haben wird. Werden die doch noch alle Unterzeichner ins Visier nehmen? Oder nur einen Teil? Nach dem Putschversuch und mit dem Ausnahmezustand gibt es da große Unsicherheit und es ist sehr schwer, die weiteren Entwicklungen abzuschätzen.

Nach allem, was in den letzten Wochen passiert ist, äußern Sie Ihre Kritik trotzdem noch offen und geben dieses Interview. Haben Sie keine Angst?

Ich denke, jeder verspürt hier gerade Angst und sorgt sich um seine Zukunft. Aber ich glaube an eine demokratische Gesellschaft, an universelle Prinzipien wie das Recht auf Leben, Gerechtigkeit, das Recht auf einen freien Zugang zu Bildung, und die Freiheit und Autonomie der Wissenschaft. Und ich werde diese Werte verteidigen!

Haben Sie darüber nachgedacht, die Türkei zu verlassen?

Ich glaube alle, die die Chance dazu haben, vor allem aus der Mittel- und Oberschicht, haben in den letzten elf Tagen darüber nachgedacht. Zumindest als eine Möglichkeit. Ich habe auch von einigen Freunden, Akademikern und anderen, gehört, dass sie ernsthaft darüber nachdenken. Ich habe aber nicht vor, die Türkei so bald zu verlassen.