Alkoholverbot in Herne: Ein Besuch im Sodom und Gomorrha des Ruhrgebiets

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Sodom und Gomorrha sind zwei ehemalige Industriestädte im Ruhrgebiet. Außerhalb biblischer Kreise nennt man sie heute auch Herne und Wanne-Eickel. Sittenverfall und Verrohung plagen die Städte. Um der göttlichen Zerstörung der Orte der Sünde zuvorzukommen, haben die Stadtoberen nun endlich eingegriffen: Zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung muss ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen her! 

 Herne ist eine dieser Städte, die man eigentlich gar nicht kennen muss. Zwar eine Großstadt, dafür aber ganz schön klein. Es gab dort mal jede Menge Bergbau. Seitdem die Zechen geschlossen wurden, hat Herne aber irgendwie nichts mehr. 

Na gut, so ganz stimmt das nicht. Herne hat eine U-Bahn-Linie nach Bochum und verschiedene Bahnhöfe mit Verbindungen in mehrere Himmelsrichtungen. Raus kommt man also immer. Ansonsten können die Herner voller Stolz behaupten, der Mittelpunkt des Ruhrgebiets zu sein. Nicht politisch oder kulturell, aber immerhin geografisch. 

 In diesen Tagen macht Herne aber aus anderen Gründen von sich reden. Die Stadt scheint ein Hotspot von Verrohung und Sittenverfall geworden zu sein. Man berichtet sich von öffentlichen Trinkgelagen und Pöbeleien, die die verbliebenen braven Bürger einschüchtern. Eine Stadt fest in den Händen der Trinkerszene. In der vergangenen Woche ist die Lokalpolitik angetreten, um dem einen Riegel vorzuschieben. Das Gesaufe soll aufhören, dafür muss eine neue Verordnung her. Und zwar nicht irgendeine, sondern eine "Ordnungsbehördliche Verordnung zur Änderung der Ordnungsbehördlichen Verordnung über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Stadtgebiet Herne". Klingt sperrig, heißt aber vor allem: Kein Rumsitzen und Biertrinken in Parks und Grünanlagen, auf öffentlichen Plätzen oder an Bushaltestellen. Zumindest nicht, wenn diese öffentlichen Einrichtungen dadurch dem "Gemeingebrauch und damit ihrer Zweckbestimmung entzogen werden". 

 Was das genau bedeutet, verrät die neue Verordnung nicht. Eine Nachfrage beim Pressesprecher der Stadt bringt zumindest ein bisschen Klarheit: "Eine solche Handlung liegt beispielsweise dann vor, wenn durch Trinkgelage Bürgerinnen und Bürger daran gehindert bzw. abgeschreckt werden, Ruhebänke, Wartehäuschen an Haltestellen oder Spielgeräte zu nutzen", schreibt er mir. Völlig in Ordnung sei es aber, wenn sich jemand, zum Beispiel nach einer Radtour oder nach Feierabend, auf eine Bank setzt und ein Bier trinkt.

 Ich weiß nun also, dass arbeitende Radfahrer kein Problem sind. So richtig kann ich mir aber immer noch nicht vorstellen, wie es in der Hauptstadt des Sittenverfalls zugeht. Höchste Zeit also für einen Ortsbesuch. 

 Eine Expedition ins Ungewisse

 Ich steige in Dortmund in den Zug und am Herner Hauptbahnhof aus, um mich mit meinem Freund und Kollegen Sebastian zu treffen. Aus irgendeinem Grund wohnt Sebastian nämlich in Herne. Wir sind verabredet, um zusammen die Brennpunkte des Sittenverfalls zu erkunden. Für mich beginnt eine Expedition ins Ungewisse. 

 Erstmal bin ich allerdings beruhigt. So schlimm sieht es hier ja gar nicht aus. Schön allerdings auch nicht. Na ja, ist halt das Ruhrgebiet. Wir durchqueren als Erstes eine Bahnunterführung. Die Sonne strahlt. Bei schlechtem Wetter wimmelt es hier vermutlich nur so vor gemeingefährlichen Trinkern, die vor dem Regen fliehen. Heute nicht. Hinter den Bahnschienen beginnt die Fußgängerzone—Downtown Herne. 

Wir suchen nicht nur nach den Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls, sondern vor allem nach einem Kiosk, der uns Bier verkauft. Auf dem Weg dorthin laufen wir an einigen Bänken vorbei. Hätte ich jetzt bereits ein Bier in der Hand, würde ich mich hier bestimmt hinsetzen wollen. Meinen die echt das hier? Finden hier diese Trinkgelage statt? Vielleicht. Sebastian erzählt mir, dass hier abends schon mal Leute sitzen und was trinken. Unsicher fühlt er sich hier aber nie. 

Wir passieren einige scheinbar wild entsorgte Müllsäcke. Ansonsten sieht die Innenstadt eher unscheinbar aus. Nicht hässlich, nicht schön, ziemlich durchschnittlich eigentlich. Endlich finden wir einen Kiosk. 

Mit zwei Flaschen Fiege-Pils und zwei Dosen Köpi ziehen wir schließlich weiter. Der nächste Halt auf der Tour, die Sebastian für mich vorbereitet hat: Ein kleiner Park, direkt am Rand der Fußgängerzone. Grünflächen, ein paar Wege und Bänke. Auf einer Bank sitzen zwei türkische Opas, auf einer anderen drei Jugendliche, die heimlich rauchen. Sebastian erzählt mir, dass hier abends oft muslimische Pärchen sitzen und heimlich knutschen. Spuren von Trink-Exzessen finden wir hingegen nicht, nur eine leere Flasche billigen Rotweins, die aus einem Mülleimer herausragt. 

 Wir beschließen darum, wieder zum Bahnhof zurückzulaufen und nach Wanne-Eickel zu fahren. Wanne-Eickel war ursprünglich mal eine eigene Stadt, wurde aber im Zuge einer Gemeindereform in den 70er Jahren eingemeindet und zu einem Teil von Herne erklärt. Die Wanne-Eickler sind aber stolze Lokalpatrioten und dürfen darum seit einiger Zeit wieder ihre alten Autokennzeichen mit dem "WAN" am Anfang benutzen und so tun, als hätten sie mit Herne nichts am Hut. Vor allem ist Wanne-Eickel aber offenbar so etwas wie Hernes böser Stiefbruder. Beide Plätze, die der Stadtsprecher mir als Beispiele für schlimme Trinkgelage genannt hat, liegen hier. 

 Wir setzen uns also in den Zug und fahren eine Station. Ich muss dabei an den Kettcar-Hit "Balu" denken und summe leise vor mich hin: "Manche sagen, es ist einfach, ich sage, es ist heikel. Du bist New York City und ich bin Wanne-Eickel." Tolles Lied. Sebastian hasst Kettcar und schlägt seinen Kopf leicht theatralisch gegen das Zugfenster. Er kontert mit einem alten Schlager: "Nichts ist so schön wie der Mond von Wanne-Eickel!" Der Song von Friedel Hensch und den Cypris ist die wohl wichtigste popkulturelle Erwähnung der ehemaligen Stadt und der ganze Stolz ihrer Bewohner. 

 "Das kannste doch nur noch besoffen ertragen!" 

 Am Wanne-Eickeler Hauptbahnhof angekommen machen wir uns auf den Weg zum Buschmannshof. Dort ist der Busbahnhof des Stadtteils und außerdem ein Zentrum der Trinkerszene—so sagt man zumindest. An diesem sonnigen Samstagnachmittag gibt es dort irgendein Fest. Mit einem kleinen eingezäunten Sandstrand, einer Bar und einer Bühne. Und jamaikanischen Flaggen. Hier findet also der legale und erwünschte Alkoholkonsum statt. 

Einige Meter weiter sitzen tatsächlich ein paar Männer, die "wild" trinken. Sebastian und ich gehen auf zwei von ihnen zu. Der eine hat kurze Haare und trägt ein beiges Hemd. Der andere trägt eine Pomadenfrisur und ein Onkelz-Shirt. Als wir ihnen sagen, dass wir wegen des Herner Alkoholverbots hier sind, sind sie kurz verdutzt. "Dat is' doch Wanne-Eickel hier", sagt einer. Nachdem wir ihnen klarmachen, dass das auch für die einverleibte Ex-Stadt Wanne-Eickel gilt, kommen wir ins Gespräch. Dass sowas rund um Kinderspielplätze oder auf Schulhöfen gilt, findet der im beigen Hemd völlig OK. Davon abgesehen hält er nichts von einem Alkoholverbot, weil das seine verfassungsmäßigen Rechte beschneide. Sein Freund im Onkelz-Shirt klinkt sich ein: "Wenn du dich hier mal Montags bis Freitags in die Stadt setzt, du hörst hier kein deutsches Wort mehr. Das kannste doch nur noch besoffen ertragen!" Das Problem sind für ihn nicht die Trinker, sondern die Ausländer. "Das müsste man verbieten", sagt er und zeigt auf zwei Frauen mit Kopftuch, die etwa 50 Meter entfernt stehen. Immer wieder versucht der im Hemd, uns zu erklären, wie die Situation hier am Buschmannshof wirklich ist, und wird dabei jedes Mal von seinem Freund unterbrochen. "Viel schlimmer sind hier die Arabs, nüchtern oder zugekokst", ruft der Onkelz-Fan rein. 

 Wir haben nach ein paar Minuten genug gehört und machen uns auf in Richtung des zweiten Wanne-Eickler Brennpunktes: Ein kleiner Platz mit einladenden Bänken und einem Spielgerüst für Kinder. Direkt davor ist ein großer Supermarkt. Um die Trinker zu verdrängen, hat die Stadt den ganzen Platz zum Spielplatz erklärt. Alkoholtrinken und Rauchen sind hier nicht erlaubt. Wir setzen uns trotzdem auf eine der Bänke, trinken unser drittes Bier und beobachten die Umgebung. Schon wieder will der Brennpunkt nicht so richtig wie ein Brennpunkt wirken. 

 Nach einer Weile setzt sich ein Mann auf die Bank neben uns, um die 60, graue Haare. Wir kommen ins Gespräch. Als Billard-Papst aus Gelsenkirchen stellt er sich uns vor. Noch bevor wir ihm erzählen, dass wir Journalisten sind und aus alkoholischen Gründen den Weg nach Wanne-Eickel gefunden haben, kommt das Gespräch auf das Thema Alkohol. Der Billard-Papst erzählt von seinem Opa, der unter Tage gearbeitet hat. "Wenn die hoch kamen, gab's erstmal 'nen 'Lüttschen', dat war 'n kleiner Schnaps. Und dann sind die nach Schichtende morgens um 6 inne Kneipe und haben Bier getrunken. Dat is' halt 'n anderer Schlag Menschen, hier im Pott!" Nachdem wir uns fast eine halbe Stunde mit unserem Gelsenkirchener Freund unterhalten haben, machen wir uns auf den Rückweg zum Bahnhof. 

Auf unserer Expedition haben wir ein paar Trinker gesehen, sogar ein paar vereinzelte zerbrochene Bierflaschen. Wir haben uns außerdem die kruden Überfremdungsängste eines Böhse-Onkelz-Fans angehört und über die Geschichte des saufenden Ruhrpott-Proletariats unterhalten. Wirkliche Brennpunkte haben wir allerdings nicht gefunden. 

 Sicherlich gibt es an den genannten Orten auch mal richtige Saufgelage. Und selbstverständlich gibt es in einer von Arbeitslosigkeit geprägten Stadt wie Herne eine ganze Menge Leute mit Alkoholproblem, die es sich nicht leisten können, in Kneipen oder Bars ihr Bier zu trinken. Die gibt es aber in jeder Großstadt. 

In Dortmund hat die Stadt vor ein paar Jahren einen "Saufraum" geschaffen, um der Trinker-Szene einen Ausweichort zu schaffen. Mit Sozialarbeitern und allem drum und dran. In Herne versucht man, das "Problem" mit Verboten zu verdrängen. Das ist am Ende auch rechtlich ziemlich problematisch. Der Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen rät von solchen Verboten ab. Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist Teil der freien Entfaltung, die das Grundgesetz garantiert. Nur: Diejenigen, die mit solchen Verordnungen aus der Öffentlichkeit verdrängt werden sollen, sind nicht unbedingt klagefreudig. Sollte das Ordnungsamt nicht irgendwann versehentlich an eine Gruppe betrunkener Anwaltssöhne geraten, wird das Herner Alkoholverbot darum wohl erstmal Bestand haben.