Ich wurde von der Bundeswehr ausgeraubt, entführt und erschossen

Veröffentlicht in VICE.

„Waffe!", ruft meine Teamkollegin, als wir mit unserer Attrappen-Ausrüstung aus Holz gerade unser Interview mit dem Bürgermeister des Dorfes Bonnland beginnen wollen. Auf der anderen Straßenseite steht ein Vermummter mit einem Sturmgewehr. Noch bevor er das Feuer eröffnet, springen wir in den Deckung versprechenden Hauseingang neben uns. Draußen ertönt das laute Schnellfeuer der Kriegswaffe: Vermutlich die allseits beliebte Kalaschnikow. Obwohl alles nur ein gespieltes Szenario ist, stehen wir direkt unter Strom: Was tun wir? Versuchen wir zu flüchten? Bleiben wir weiter hinter den dicken Wänden versteckt, die zumindest ein kleines bisschen Sicherheit versprechen? 

 Zuerst erkunden wir die möglichen Fluchtwege. Unsere Optionen sind begrenzt. Alle Türen sind verschlossen, lediglich zwei Fenster zum Hinterhof sind offen, liegen aber direkt in der Schusslinie der Angreifer vor der Haustür. Während wir den Schutz des Hauses nutzen, um unsere Splitterschutz-Helme aufzusetzen, hören wir Schritte im Eingang. Ist das unser Ende? Werden wir gleich von den Angreifern erschossen, bevor der Ausbilder „Übungsunterbrechung" ruft und wir unsere tödlichen Fehler besprechen? Wir haben Glück: Die Schritte gehören zu einem UN-Soldaten. Modernes Sturmgewehr, reguläre Uniform und vor allem ein blauer Helm sind die Zeichen, die uns kurz entspannt aufatmen lassen. „Come with me, I bring you to safety!", ruft er uns zu. Nach kurzem Zögern folgen wir ihm Richtung Ausgang. Als wir vor der Tür hocken, sehe ich auf der anderen Seite des Innenhofs eine angeschossene Soldatin auf dem Boden liegen. „You need to help my comrade!", befiehlt uns der Blauhelm. Ich erinnere mich an die Lektionen vom Vortag: Lauf' niemals selbst in die Schusslinie, um einem anderem zu helfen! „We will only get shot!", rufe ich dem Soldaten also zu. Auf den wenigen Metern zwischen Haustür und Soldatin wären wir ein einfaches Ziel. Letztendlich rennt er alleine wieder raus. Als der Schusswechsel kurz stoppt, ergreifen wir die Chance und springen durch die offenen Fenster in den Hinterhof. Mit einer 13 Kilo schweren Schutzweste gar kein so leichtes Unterfangen. Schnell rennen wir zur nächsten Wand, tasten uns langsam bis zur Ecke vor: Freie Sicht, hier steht niemand. Wir laufen, so schnell wir können, überqueren die Straße, auf der die Schießerei begonnen hat und kommen an der nächsten Hausecke zum Stehen. Verdammt: Einige Meter vor uns steht der nächste Schütze. Wir rennen also zurück und stellen fest, dass wir so weit außen rum gelaufen sind, dass unser Ausbilder und die anderen beobachtenden Kollegen gar nicht mehr wissen, wo wir sind. 

Das Ziel ist in jeder Übung dieses Lehrgangs dasselbe: Überleben. In mehreren Anläufen sollen unsere kleinen Teams den Bürgermeister des Dorfes finden und interviewen. Dazu kommt es jedoch nie: Mal geraten wir ins Kreuzfeuer zwischen zwei Häuserblöcken. Ein anderes Mal werden wir direktes Ziel eines „Drive-by-Shootings" oder mit Handgranaten beworfen. 

 Lernziel: Überleben 

 Hauptsächlich bildet das „Vereinte Nationen Ausbildungszentrum der Bundeswehr" im bayrischen Hammelburg UN-Beobachter und Mitarbeiter staatlicher und nichtstaatlicher Hilfsorganisationen aus. Mit ein paar Lehrgängen im Jahr ist die Vorbereitung von Journalisten für die Berichterstattung aus Krisengebieten nur ein Nebenschauplatz. Eingeführt wurde die Seminarreihe, nachdem 1999 zwei deutsche Journalisten im Kosovo getötet wurden. Gemeinsam mit ihrem Übersetzer wurden die beiden Stern-Reporter Gabriel Grüner und Volker Krämer nur drei Tage nach offiziellem Kriegsende von einem russischen Soldaten der serbischen Armee erschossen. Die beiden galten als erfahrene Kriegsreporter. Viele junge Journalisten zieht es aber auch ohne Erfahrung oder eine entsprechende Ausbildung in die Krisenregionen der Welt. „Das Ziel dieser Ausbildung ist es, die Überlebensfähigkeit des Einzelnen zu erhöhen", sagt Volker Dewenter, der seit sechs Jahren am Ausbildungszentrum beschäftigt ist und auch meinen Lehrgang leitet. Wir sollen für verschiedene Situationen gewappnet sein. 

Auf dem Lehrplan steht darum nicht nur das Verhalten bei Beschuss, sondern auch das Erkennen von Minenfeldern, das Verhalten in Checkpoints, bei Überfällen oder Geiselnahmen. Außerdem eine kleine Einführung in die Welt der Kriegswaffen. Das lässt sich die Bundeswehr einiges kosten. Nachdem wir bereits am Montag die Einwirkung von Gewehren und Pistolen auf Baumstämme, Häuserwände und andere vermeintlich schützende Gegenstände gesehen haben (kleiner Tipp: durch eine Ziegelwand oder ein Auto gehen die Kugeln eines Sturmgewehres durch wie durch Butter), fahren wir nach den Übungen in „Bonnland" am Dienstag auf einen der Schießstände des 4000 ha großen Truppenübungsplatzes. Als erste Sicherheitsmaßnahme müssen hier Ohrenschützer angelegt werden. Schon ein einzelner Schuss aus direkter Nähe kann das Gehör nachhaltig schädigen, erklärt uns der Sicherheitsbeauftragte. Danach laufen wir den Hang des Übungsgeländes hinunter. Von verschiedenen Seiten wird einige tausend Mal über unsere Köpfe hinweg und an uns vorbei geschossen. Unsere Gruppe unerfahrener Laien versucht mit Ferngläsern in der Hand die Schützen ausfindig zu machen. Direkt neben uns wird außerdem eine Panzerfaust abgeschossen. Der junge Soldat sieht zwar auf den ersten Blick mehr nach GTA-Spieler als nach Unteroffizier aus, weiß aber anscheinend, was er tut: Den Panzer, der wenige Hundert Meter entfernt steht, trifft er am Fahrwerk. 

 Am Rand der Belastungsgrenze 

 Nachdem schon bei den Szenarios am Dienstag ein gewisses Realitätsgefühl aufgekommen ist, wird es am Mittwoch vollends ungemütlich. Auf dem Lehrplan steht das Verhalten in Checkpoints. Wir sollen in ein Dorf fahren, um eine Pressekonferenz zu besuchen. Der Weg dorthin führt über eine verlassene Waldstraße. Einige hundert Meter von der Hauptstraße entfernt fahren wir auf eine Schranke zu. In einer Seitenstraße davor stehen Uniformierte, die eine Kalaschnikow und ein RPG (das russische Pendant zur Panzerfaust) auf uns richten. Die Bäume links und rechts der Straße sind mit rot aufgesprühten Totenköpfen markiert: Ein international verständliches Zeichen für Minenfelder. Als wir stoppen, kommt eine junge Frau auf uns zu und verlangt unsere Ausweise. Wir sollen einen Wegzoll zahlen, all unser Geld aushändigen. 

Als wir gerade das Geld zusammensuchen, werden wir brüllend aufgefordert, die Autos zu verlassen. Auf einmal geht alles ganz schnell: Taschen leeren, auf den matschigen Waldboden am Straßenrand legen, Gesicht nach unten, die Hände in den Nacken. Kurz darauf werden wir ein paar Meter weiter ins Lager der Rebellen geführt. Auch hier: Hinlegen, nicht nach oben schauen. Während wir auf Englisch, Russisch und Türkisch angebrüllt werden, klackert direkt vor meinem Kopf jemand mit seiner Maschinenpistole. Schnell wird klar, worum es den bewaffneten Wegelagerern geht: Geld. Nach kurzer Zeit wird ein Verhandlungspartner bestimmt. Der Deal: Er wird alleine gehen gelassen und hat drei Stunden Zeit, um 5.000 Euro Lösegeld zu besorgen. Als der Kollege anfängt, die Waldstraße entlang zu rennen, ruft der Ausbilder laut „Übungsunterbrechung!". 

 Für mich heißt das: Erstmal durchatmen, etwas trinken und eine Zigarette nach der anderen rauchen. Der Gedanke daran, dass alles nur gespielt ist, tritt bei den sauber durchgeplanten Übungen mit bis zu 50 Soldaten schnell in den Hintergrund und weicht Anspannung, Adrenalin und Angst. Das Ergebnis der Nachbesprechung: Wir haben uns richtig verhalten. Wir sind ruhig geblieben und haben getan, was unsere Widersacher wollten. Niemand von uns hat in Actionfilm-Manier den Helden gespielt. Die beiden obersten Regeln bei Entführungen und Geiselnahmen, so wird es uns beigebracht, sind: Immer kooperieren und stets bei der Wahrheit bleiben. Alles andere funktioniert nur, wenn man Bruce Willis heißt. Wer das beherzigt, so stellt Ausbildungsleiter Volker Dewenter klar, hat bei den allermeisten Geiselnahmen eine große Chance zu überleben. 

 Trotzdem ist so eine Geiselnahme ungefähr das Anstrengendste und Krasseste, was man sich vorstellen kann—sogar wenn sie nur ein Rollenspiel ist. Bei dem Training in Hammelburg erlebe ich das am eigenen Leib. Um zukünftigen Lehrgangsteilnehmern die Spannung vor dem Höhepunkt der Ausbildung nicht zu nehmen, kann ich das Szenario nicht genau beschreiben. Nur so viel: Nach anstrengenden Fußmärschen und völliger Übermüdung von einem Haufen bewaffneter und aggressiver Schreihälse entführt und über mehrere Stunden in Geiselhaft gehalten zu werden, ist eine der intensivsten Erfahrungen, die ich bislang gemacht habe. 

Auch wenn ich nach dem Training sicherlich besser gewappnet bin als vorher, hoffe ich, das Gelernte im echten Leben niemals zu benötigen.