Flüchtlinge empfangen und Neonazis verjagen – Dortmund hat es am Wochenende vorgemacht

Veröffentlicht in VICE.

In Dortmund sind am Sonntag mehr als 2.000 Flüchtlinge angekommen. Mehrere hundert freiwillige Helfer haben den Dortmunder Hauptbahnhof deshalb in der Samstagnacht spontan zu einer Spendenannahmestelle umfunktioniert und gezeigt, dass „Willkommenskultur" mehr als eine hohle Phrase sein kann. Da Dortmund allerdings Dortmund ist, haben etwa 25 Neonazis versucht, das zu stören, und gegen Flüchtlinge demonstriert. Die Polizei hat versucht, die Rechten von den Flüchtlingsunterstützern zu trennen, und dabei kläglich versagt. Ein Bericht über ein bemerkenswertes Wochenende. 

Nachdem zuerst die österreichische und dann die deutsche Grenze für Flüchtlinge praktisch geöffnet wurden, kommen immer mehr Menschen in München an. Alleine im Laufe des Wochenendes waren das 20.000 Menschen, es werden für diesen Montag laut Behördenangaben weitere 11.000 erwartet. Ein großer Teil der Menschen, die in München ankommen, wird dort, so schnell es geht, weiterverteilt und in Zügen in andere Teile des Landes gebracht. Am frühen Samstagabend begann die Nachricht, ihre Kreise zu ziehen, dass Nordrhein-Westfalen sich bereit erklärt habe, bis zu 1.500 dieser Flüchtlinge aufzunehmen. Am Ende sollten es allerdings alleine in Dortmund bereits deutlich mehr werden.

 #TrainOfHope 

Die Informationslage am Samstagabend ist spärlich. Seitens der Stadt Dortmund gibt es keine Mitteilung über die Ankunft der Flüchtlinge. Der Krisenstab der Stadt tagt zwar bereits, nachdem ihm am Nachmittag mitgeteilt wurde, was auf Dortmund zukommt. Genaues weiß allerdings niemand. Erst als Journalisten mit Bundespolizisten am Hauptbahnhof sprechen, steht eine erste Uhrzeit im Raum: Gegen drei Uhr Nachts soll ein Zug mit Flüchtlingen aus München ankommen. Dass sich dieser Zug um viele Stunden verspäten und ihm noch einige weitere folgen sollen, weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner. 

Nachdem diese ersten Informationen im Netz stehen, beginnt das, worauf einige Stunden später die meisten Beteiligten sehr stolz sind: Eine spontane und gut funktionierende Willkommens- und Solidaritätskultur. Gegen 21:30 Uhr setzt am Samstagabend ein neuer Twitter-Account seinen ersten Tweet ab. Er trägt den Namen „Train of Hope Dortmund". Das Hashtag #TrainOfHope war bereits für die Züge, die Flüchtlinge aus Budapest nach Wien und dann weiter nach München brachten, geboren worden. Für Tausende Flüchtlinge waren sie die einzige Hoffnung: In Ungarn will kein Flüchtling bleiben. Die Zustände, die sie dort erwarten, stellen jede deutsche „Zeltstadt" bei Sturm und Regen in den Schatten. Eine Viertelstunde später ruft der Twitter-Account bereits dazu auf, ab 23 Uhr mit Lebensmittelspenden und Decken zum Hauptbahnhof zu kommen. Alles ist spontan, niemand weiß, wie viele Menschen kommen werden, ob die Polizei im Bahnhof eine Versammlung und Lagerung von Sachspenden zulassen wird. Gegen 23 Uhr kündigt sich aber bereits an, dass die Nacht zu einem Erfolg wird. Es werden immer mehr Menschen, ein Pavillon wird aufgebaut und es bildet sich schnell ein Haufen aus Getränkeflaschen und Essenspaketen. Kurz darauf verlegen die Flüchtlingsunterstützer die Spendenannahme in einen Unterführungstunnel im Hauptbahnhof. Dort ist Platz und die gespendeten Decken sind vor dem Regen geschützt. Vorgeschlagen wird der Umzug von der Polizei, die Zusammenarbeit beginnt gut. 

Dortmund ist Dortmund ist Dortmund 

Während aus dem Spendenhaufen eine ordentlich sortierte Reihe von Spendenmassen wird und bereits weit über hundert Menschen am Bahnhof angekommen sind, um zu helfen, verbreitet sich allerdings auch eine schlechte Nachricht: Über Twitter und Facebook haben die Dortmunder Neonazis der Partei „Die Rechte" angekündigt, gegen die Ankunft der Flüchtlinge am Bahnhof demonstrieren zu wollen. Am liebsten in der Bahnhofshalle. Dort, so schreiben sie, hätten sie eine Kundgebung angemeldet. Etwa zeitgleich verbreitet sich auch die Information, dass der erste Zug mit Flüchtlingen frühestens um sechs Uhr morgens erwartet wird. Die Flüchtlinge werden also nicht auf einen Haufen aggressiver Neonazis stoßen. 

Als die etwa 25 Neonazis am Hauptbahnhof ankommen, kommt es bereits zu ersten Auseinandersetzungen. Während sie noch in der Bahnhofshalle stehen, versammeln sich draußen bereits Nazigegner. Von nur wenigen Polizisten begleitet, stürmen die Rechten auf einmal aus der Bahnhofshalle heraus und gehen zum Angriff über. Es kommt zu ersten schweren Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen, ihren Gegnern und der Polizei. Mindestens ein Neonazi wird leicht von einem Polizeihund gebissen. Nachdem es den Beamten gelingt, die Neonazis einzukesseln, beruhigt sich die Lage wieder. Gut hundert Meter entfernt kann nun die rechte Kundgebung beginnen. Außenwirkung hat das natürlich keine, es ist kurz nach zwei. In der Dortmunder Innenstadt sind gerade nur Betrunkene, Polizisten und Neonazigegner unterwegs. Dementsprechend liegt der Fokus auch nicht auf Redebeiträgen oder inhaltlichen Parolen. Vielmehr schreien die offenbar zum Teil betrunkenen Rechtsextreme wirres Zeug in Richtung der Gegendemonstranten: Auf deren „Alerta, Alerta, Antifascista" folgt ein „Vanessa, Vanessa, Rechte ficken besser". Die Jahreshauptversammlung der Raketenwissenschaftler tagt hier ganz offensichtlich nicht. 

Auseinandersetzungen bei der Abreise 

Bereits während der Kundgebung stellt sich die Frage: Wohin will die Polizei die Rechten gleich schicken? Im Bahnhof befinden sich Hunderte Flüchtlingsunterstützer und Neonazigegner, und auch in Richtung Innenstadt stehen mindestens 50 Gegendemonstranten. Kurze Zeit später gibt es Gewissheit: Die Polizei will tatsächlich versuchen, die Neonazis wieder in den Bahnhof zu bringen. Vor dem Haupteingang haben sich allerdings mittlerweile mehrere hundert Menschen aufgestellt, die lauthals „Nazis raus" rufen und keine Anstalten machen, dort einfach weg zu gehen. Einige Zeit stehen die Rechten deshalb von Polizisten umringt auf dem Bahnhofsvorplatz. Der Weg in den Bahnhof scheint vollends versperrt—die Neonazis jetzt dort hinein zu bringen, würde eine Eskalation mit Ansage bedeuten. 

Die Polizei scheint völlig überfordert zu sein. Anders als bei vorab geplanten Einsätzen sind die meisten der hier spontan eingesetzten Beamten keine Bereitschaftspolizisten, die solche Situationen regelmäßig erleben. Die, die hier zwischen Neonazis und Flüchtlingsunterstützern stehen, sind vor allem Streifenpolizisten aus ganz NRW. „Ich hab' vor einer Stunde noch 'nen Unfall aufgenommen und jetzt das", witzelt einer. 

So kommt es tatsächlich zu einem Knall mit Ansage: Die Beamten drängen die Nazigegner ein Stück zur Seite und machen eine Schneise Richtung Eingangstür frei. Die Neonazis werden unter Lautem Gebrüll und ersten Würfen von Gegenständen in die Bahnhofshalle gebracht. Dort entwickelt sich eine tumultartige Situation. Weil die Polizei ein paar Meter weiter auch Nazigegner in den Bahnhof lässt, sind die Rechtsextremen nach kurzer Zeit umringt. Es fliegen Flaschen und Kaffeebecher, die Polizei setzt Hunde und Pfefferspray ein. Einer jungen Gegendemonstrantin wird in die Hand und Brust gebissen. Nach einer Weile ist auch den Polizisten klar: Das funktioniert nicht. Während Hunderte den Weg der Neonazis mittlerweile völlig friedlich und zu kurdischer Livemusik versperren, bringt die Polizei sie wieder nach draußen. Über einen Seitenaufgang zum Gleis können die Neonazis letztendlich abreisen. Die Dortmunder Polizei bezeichnet ihr Einsatzkonzept später als alternativlos. Die Menschen, die sich den Neonazis in den Weg gestellt und gesetzt haben, bezeichnet sie in einer Pressemitteilung pauschal als Linksextremisten. 

Viele von ihnen stehen kurze Zeit später wieder am Hinterausgang des Bahnhofs und helfen in einer Menschenkette, die Sachspenden in einen LKW des Roten Kreuz zu bringen. Während die Neonazis in der Innenstadt gegen Flüchtlinge hetzen, passiert wenige Kilometer entfernt im Dortmunder Stadtteil Eving etwas, das in den vergangenen Monaten zu einer erschreckenden Regelmäßigkeit in Deutschland geworden ist: Unbekannte versuchen, eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Brand zu setzen. Glücklicherweise sind sie nicht erfolgreich. Der Dortmunder Polizeipräsident spricht in einer Pressekonferenz am nächsten Tag von Molotow-Cocktails, die verwendet worden seien. Trotzdem bleibt es bei einer Rauchentwicklung, ein offenes Feuer konnte sich dieses Mal nicht entwickeln. 

Willkommenskultur 

Am Sonntagmorgen haben die meisten der ehrenamtlichen Flüchtlingsunterstützer genauso wie Rotes Kreuz, Feuerwehr und Polizei bereits eine lange Nacht hinter sich. Trotzdem könnte der Empfang, der den mehr als 1.000 Flüchtlingen aus dem Münchner Zug bereitet wird, nicht herzlicher sein. Als sie das Gleis verlassen, werden sie mit einem laut gesungenen „Refugees are welcome here" begrüßt. Hunderte klatschen und halten Pappschilder hoch. Trotz der langen und erschöpfenden Reise lächeln die meisten Flüchtlinge zumindest für diesen Moment. 

Diese Szene soll sich über den Sonntag verteilt noch einige Male wiederholen. Aus dem Hauptbahnhof werden sie zuerst in ein nahegelegenes städtisches Kulturzentrum gebracht. Hier können sie sich ausruhen, etwas essen und sich mit gespendeter Kleidung, Hygieneartikeln und anderem versorgen. Danach werden sie gruppenweise zu Bussen gebracht, um weiter auf verschiedene Erstaufnahmeeinrichtungen verteilt zu werden. Bis zum Abend ist das Kulturzentrum vorerst wieder leer. Dabei wird es allerdings nicht bleiben. Bereits am Sonntag sind über 2.000 Flüchtlinge in Dortmund angekommen. Zwar soll nun auch die Landeshauptstadt Düsseldorf zu einer weiteren „Drehscheibe" für die Weiterverteilung in Nordrhein-Westfalen werden, die Stadt Dortmund rechnet zumindest bis Mittwoch trotzdem noch mit weiteren Zügen. 

Wie viele Flüchtlinge weiterhin ankommen werden, weiß bislang niemand. Dortmund hat allerdings gezeigt, dass es wie viele andere Städte auch, sehr gut dafür gewappnet ist, spontan ein großes Stück Willkommenskultur und Solidarität auf die Beine zu stellen. Dass ein kleines Häufchen rechten Elends das für seine Propaganda ausnutzt, ist zwar ärgerlich, angesichts der massiven Hilfsbereitschaft der vielen Freiwilligen aber nicht mehr als eine winzige Randerscheinung.