Die Kassierer werden 30 und Wolfgang Wendland vielleicht Oberbürgermeister

Veröffentlicht in NOISEY.

Die Wattenscheider Punk-Band „Die Kassierer" wird bald 30. Den meisten ist die Band vermutlich wegen Hits wie „Blumenkohl am Pillemann" oder „Am schlimmsten ist, wenn das Bier alle ist" ein Begriff. Vielleicht auch wegen chronischer Nacktheit auf der Bühne und einem durchaus liberalen Umgang mit Körperflüssigkeiten und -öffnungen. „Kassierer"-Sänger Wolfgang „Wölfi" Wendland kann aber mehr, als nur besoffen auf der Bühne zu stehen und anstößige Texte zu singen. Im Dortmunder Schauspielhaus steht die Band zurzeit für eine Punk-Operette auf der Theaterbühne und Wölfi kandidiert relativ ernsthaft für den Posten als Oberbürgermeister von Bochum. Ich habe mich in seinem Lieblingsrestaurant, der „Frittenschmiede Wattenscheid" mit Wölfi getroffen und mit ihm über 30 Jahre Bandgeschichte, nackten Punkrock und glanzlose Kommunalpolitik gesprochen.

Wie hat das mit den Kassierern damals eigentlich angefangen?

Ich hab damals mit 'nem Schulkollegen zusammen Super 8-Filme von Punk-Konzerten und Events wie den Chaostagen gemacht, so um 1983/84 rum. Wir sind dann mit den fertigen Filmen übers Land gefahren und haben die in Jugendzentren gezeigt. Damals hatte das bewegte Bild noch was Besonderes, das es ja dank Youtube und so heute nicht mehr hat. Nach diesen Touren hatten wir dann ein bisschen Geld über und viele Leute unterwegs kennengelernt. Wir kamen dann auf die Idee, dieses Geld einzusetzen und ein Punk-Konzert zu machen. Während wir das Plakat machten, kam die Idee, dass die Leute die an der Kasse sitzen, auch als Band auftreten. Dann rief ich meinen Bruder an und fragte ihn, ob man das so in der Kürze der Zeit hinbekommt. Der meinte: Ja, musikalisch würde das gehen. Wir haben dann mit zwei Bekannten von meinem Bruder diese Band gegründet, das Konzert fand dann aber gar nicht statt. Das sollte in 'nem Kino stattfinden, da gab's dann aber eine Ordnungsverfügung, dass die dort keine Konzerte mehr veranstalten durften. Die Idee der Band war aber geboren und nach einem enttäuschenden Konzert an der Bochumer Uni konnten wir dann bei 'ner Party in Krefeld für Begeisterungsstürme sorgen. Irgendwie hat sich das dann so weiterentwickelt.

Hattest Du davor schon irgendwelche Erfahrungen als Musiker?

Nö, das war mehr so die absurdeste Vorstellung überhaupt, dass ich in einer Band singen würde. Das hat auch den Reiz ausgemacht. Eigentlich bin ich ja auch heute immer noch eher so'n Unsänger.

Und dann wurde aus diesem kleinen Spaßprojekt mittlerweile dreißigjähriger „Ernst"...

Wir haben das dann eigentlich kontinuierlich weitergemacht. Das war halt so die ersten acht Jahre ein bizarres Hobby, und seit 1992 mit der Platte „Der heilige Geist greift an" haben wir's dann ein bisschen ernster genommen.

Es gibt ja dieses schöne Video aus der Talk-Sendung „Britt", wo sich die Leute über deinen „asozialen Lebensstil" ohne richtige Arbeit aufregen. Seit wann kannst du vom „betrunkenen Ablesen deiner Texte" leben?

Ich hab 2005 meinen letzten Job verloren und danach hab ich eigentlich nichts anderes mehr gemacht.

Vorher hast du als „Werbe und Medienvorlagenhersteller" gearbeitet... Genau, das heißt heute

Mediengestalter. Ich hab damals 'ne Umschulung gemacht und dann fünf Jahre lang eigentlich mehr als Schriftsetzer für diese zweimal wöchentlich erscheinenden Werbezeitungen gearbeitet. Ich hab da immer die Anzeigen gebastelt, also wenn der Metzger die Preise erhöht hat, dann war ich es, der die magischen Worte schreiben konnte: „Bratwurst, grob und fein gekörnt, 1 Kilo - 3,98".

Das klingt ja nicht allzu spannend. Dabei hast du aber auch eine ganze Menge studiert, oder?

Ja, ich hab aber keinen Abschluss.

Wie lange hast du denn studiert?

Schwer zu sagen, irgendwann bis die Semesterzahl das Lebensalter überholt hat. Irgendwo zwischen 30 und 40 Semester. Ich hab das ja auch mehr aus Interesse gemacht und in den 80ern hat man das alles auch lockerer gesehen. Die Studienberatung in Philosophie meinte damals: Ja gucken sie sich mal was an und gucken nach ein paar Semestern, ob das mit der Studienordnung übereinstimmt. Ich wollte eigentlich Filme machen und dachte, dass sich die Technik eigentlich von selbst erschließt und man aber was von der Welt und vom Leben wissen und das auch theoretisch reflektieren muss. Da war die Studienkombination Pädagogik, Politik und Philosophie ganz gut. Hinterher kam da dann noch Theater- Film- und Fernsehwissenschaften dazu. Dafür hat sich in Bochum damals aber auch jeder irgendwie eingeschrieben. Das war neu und „irgendwas mit Medien" und am Anfang noch NC-frei. Und ich dachte, dass ich da vielleicht noch eher zu 'nem Abschluss komme.

Glaubst du, dass die meisten eurer Fans verstehen, dass eure Musik Satire ist?

Ich hab oft das Gefühl, dass einige von denen das Ganze für etwas zu voll nehmen... Ich glaube, dass die Fans über die Band urteilen müssen, und nicht die Band über die Fans. Wenn man so fragt, sollte man vielleicht eher fragen: Wann verstehen sie es? Ich traue allen zu, das irgendwann zu verstehen wie's gemeint ist.

Jeder der die Kassierer kennt, weiß dass das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist - und wie dein Penis aussieht. Warum seid ihr immer nackt?

Wir sind ja nicht immer nackt...

Aber das ist schon eins eurer Markenzeichen...

Ach, früher haben das alle Bands gemacht, die bei 'nem Plattenlabel waren. Außerdem finden Leute das irrsinnig komisch, dicke Menschen nackt zu sehen, und man ist ja auch da, um die Leute zu unterhalten. Außerdem finde ich es immer problematisch, wenn derjenige, der auf der Bühne steht, Kraft seiner Autorität den Leuten sagt, was sie tun oder lassen sollen. Das wichtigste Element ist eigentlich, diesen „Rockstar" von seinem eigenen Sockel zu holen. Da gehört das irgendwie zu. Außerdem waren Nackte in Theaterinszenierungen schon in meiner Kindheit üblich.

Also ist das alles gar kein so großer Tabubruch und das Abendland wird auch nicht wegen euch untergehen?

Nö. Also die Kassierer sind im Gesamtbild vielleicht was Neues, aber die einzelnen Teile gab es vorher auch schon.

Sind die Kassierer eine politische Band?

Ja, in einer gewissen Weise schon, ich glaube auch, dass das so wahrgenommen wird. Ich finde das nur relativ blöd, wenn das so Holzhammer-mäßig rüber kommt. Diese durchgestrichenen Hakenkreuze und dieses „du sollst dieses nicht und jenes nicht". Das passt auch nicht zu dem Versuch, keine Autorität zu sein, wenn ich autoritär sage, was die Leute denken sollen. Aber ich denke doch, dass wir da sehr eindeutig sind, wenn man da zwischendurch mal 'ne Kreisler-Platte macht oder so.

Das erste Mal, dass ich ein Lied von Kreisler gehört habe, war glaube ich tatsächlich in der Cover-Version von euch...

Ja, die ganze Platte war auch irgendwie als Hinweis darauf gemeint, dass es Kreisler gibt. Ich finde ja, die Kreisler-Stücke im Original sind viel besser.

Wo wir schon bei „Hochkultur" sind. Ihr spielt grad eine Punk-Operette im Dortmunder Schauspielhaus. Ist der Punk nicht tot, wenn er für teures Geld auf der Theaterbühne steht?

Ne, ich glaube, das ist 'ne sehr punk-typische Operette. Es ist wirklich ein sehr rundes Machwerk geworden, das wirklich auch Punk ist. Ich hatte bei der Inszenierung auch den Eindruck, dass die vom Schauspielhaus viel mehr Punk sind, als wir. Ich finde es eigentlich eher schade, dass es aus dem Punk meistens nur Musik gibt und das als Geisteshaltung nicht viel mehr in andere Kunstformen wie Film und Theater Einzug gehalten hat.

Als Politiker kennt man dich ja vor allem aus deinen APPD-Tagen, als Kanzlerkandidat. Wie bist du eigentlich zur ernstgemeinten Kommunalpolitik gekommen?

Ich wohne ja in Wattenscheid und finde den Stadtteil ein bisschen traurig. Ich bin damals in 'nem Stadtteil von Bochum aufgewachsen, wo es noch ein Kino und ein Jugendzentrum gab und man hat sich trotzdem gelangweilt. Darum hab ich vor einigen Jahren versucht eine Initiative ins Leben zu rufen, die ein Kulturzentrum für Wattenscheid fordert. Wir haben zwei Jahre lang Anträge gestellt und demonstriert. Dadurch hab ich mich mehr mit Kommunalpolitik beschäftigt. 2009 bin ich dann mit den Linken ins Gespräch gekommen und die haben mich dann als Parteilosen Kandidaten für die Bezirksvertretung aufgestellt.

Da saßt Du dann als einziger Linker...

Ja, viel kannst du da auch nicht beeinflussen. Als Einzelner kannst du da eigentlich nur Fragen stellen, nicht mal Anträge. Aber man kann 'ne gewisse Öffentlichkeit schaffen, wenn Sachen zusammengekürzt werden sollen.

Haben die anderen Parteien dich als alten Punk überhaupt ernstgenommen?

Ach, das war eigentlich relativ unproblematisch. Ich hab das am Anfang gerüchteweise mitbekommen, dass die sich Sorgen machen, ich würde das nur nutzen wollen um Klamauk zu machen. Aber nach dem ersten viertel Jahr haben die schon gemerkt, dass ich das ernst meine und da gabs dann auch keine Probleme.

Jetzt bist du ja Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl in Bochum.

Ja, es gab in Bochum schon länger das Gerücht, dass die SPD den Landtagsabgeordneten Thomas Eiskirch als Kandidaten aufstellen will. Und dessen einzige Qualifikation ist eigentlich sein Ansehen in der SPD und ich finde das grade bei 'nem Oberbürgermeister problematisch, wenn der nur eine reine Parteikarriere hat. Vielleicht ist der auch der wahre Punk, weil in seinen 45 Jahren hat der nur fünf Jahre wirklich gearbeitet, sonst saß der nur im Landtag und so. Da hab ich schon vor 'nem Jahr gewitzelt, dass ich ne Kampagne mache. Mit einem Plakat, mit 'ner Sprechblase: „Der Eiskirch hat doch nichts gelernt".

Und jetzt ziehst Du das durch?

Ich wurde dann letztens von 'nem Kollegen am Telefon geweckt, der fragte: „Machste das jetzt oder machste das nicht?" Da hab ich dann gesagt, ja gut. Wir haben dann die Unterlagen bei der Stadt abgeholt und dann ging das los. Ich dachte, das steht dann im Internet, wir sammeln ein paar Unterschriften. Aber dass die bloße Ankündigung für so ein großes Medienecho sorgt, hat mich dann doch ein bisschen überrollt.

Würdest du den Job auch ernsthaft machen?

Ja klar. Das Meiste entscheidet ja eh der Stadtrat, aber der Oberbürgermeister ist die richtige Stelle, um für Transparenz zu sorgen, damit die Leute das alles auch verstehen. Ich beschäftige mich schon seit den 90ern mit der Bochumer Lokalpolitik und ich hab immernoch nicht raus, wie die Entscheidungen in der Stadt wirklich stattfinden. Ein Oberbürgermeister ist auf jeden Fall der Richtige, um dafür zu kämpfen, dass es eine bessere Informationspolitik gibt.